
Staatssekretär Dr. Frank Mentrup
In der Reihe "Abends im Weckherlinhaus" des Evangelischen Schulwerks Baden und Württemberg werben Prof. Dr. Martin Weingardt und Staatssekretär Dr. Frank Mentrup für neue Formen des Lernens.
Am 1. Dezember 2011 sprachen im Rahmen einer Vortragsreihe zu bildungspolitischen und pädagogisch-anthropologischen Fragen Professor Dr. Martin Weingardt und Staatssekretär Dr. Frank Mentrup zum Thema "eine neue Lernkultur entdecken". Veranstalter der Reihe ist das Evangelische Schulwerk Baden und Württemberg, ein Verband, dem 200 evangelische Schulen in Baden-Württemberg angehören.
Oberkirchenrat Werner Baur, Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Schulwerks, begrüßte die rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem Hinweis auf die theologische Begründung der Wertschätzung und Bedeutung des Einzelnen.
Dass Schule aller Reformmüdigkeit zum Trotz reformbedürftig ist, machte Weingardt an der mangelhaften Nachhaltigkeit schulischer Bildung fest. Solange noch für Klassenarbeiten gebüffelt und anschließend rasch wieder vergessen wird, ist Bildung nicht das, was sie sein muss: Eine Vorbereitung für erfolgreiches Leben in einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Professor Weingardt sieht die Lösung nicht in "von oben" diktierten neuen Schulformen, sondern in einer Reform "von unten". Er will "Netzwerkprojekte" initiieren, in denen sich Lehrkräfte, Eltern, Schulleitungen und Kommunalpolitiker mit Wissenschaftlern zusammentun, um bürgernahe, leistungsfähige und lebensnahe Schulmodelle zu entwickeln, "die dem Leben das Lernen und dem Lernen das Leben zurückgeben". Sechs solcher Netzwerkprojekte laufen schon modellhaft an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Schulformen.
Dabei will Weingardt keine allzu hohen Ansprüche stellen, die sich als nicht praktikabel erweisen. Er stellt dafür die Regel auf: Fünf neue Fünftel ergeben ein schulisches Ganzes.
Ein Fünftel des Lernens soll schulextern ausgerichtet sein, in und außerhalb der Schule mit außerschulischen Partnern. Nicht der gesamte Unterricht soll individualisiert stattfinden, aber ein Fünftel soll an Individuellem orientiert sein. Ein Füntel soll sich auf Inklusion heterogener Gruppen konzentrieren. Ein Fünftel der Lehrerarbeitszeit soll für Verständigung, für Gespräche zur Verfügung stehen und schließlich soll der Unterrichtsstoff um ein Fünftel reduziert werden, damit diese Zeit für ein lokales Curriculum zur Verfügung steht.
In einer dreifachen Vitalisierung sollen schulische Lernprozesse, individuelle Lernkompetenz und die Verantwortung des Gemeinwesens (Eltern und andere Bürger) für eine gelingende Bildung unserer Kinder und Jugendlichen vitalisiert werden.
Pointiert, eloquent und mit hoher Überzeugungskraft stellte Dr. Mentrup das Konzept der Gemeinschaftsschule vor. Dabei wurden einige Verbindungslinien zu Weingardts Modell sichtbar. Im längeren gemeinsamen Lernen der Gemeinschaftsschule wird ein stärkerer Gemeinschaftscharakter der Gesellschaft deutlich und die Heterogenität der Gesellschaft wird stärker in der Schule repräsentiert. Vielfalt wird zur Selbstverständlichkeit, ihre Chance bedeutsamer als das oft gesehene Risiko. Gemeinschaftsschulen lassen sich stärker in den Stadtteil einbinden. Sie gewinnen an Achtung bei den Eltern. Schulstandorte können erhalten werden.
Die Gemeinschaftsschule soll eine Schule sein, die "von unten" entwickelt wird. Sie wird niemandem aufgezwungen. Die Landesregierung rechnet mit 40 bis 50 Schulen, die im Schuljahr 2012/13 an den Start gehen werden. Die Entwicklung eines Schulkonzeptes ist aufwendig und die nötige Sorgfalt rangiert höher als eine übereilte Einführung. 2012/2013 rechnet man mit einer 3-stelligen Antragszahl. Anträge müssen vom Schulträger im Einvernehmen mit den Schulen gestellt werden.
Individuelles Lernen und durchdachte Lernunterstützungssysteme prägen die neue Schulart. Statt Klassen gibt es Lerngruppen. Der Bildungsplan muss überarbeitet werden. Für den Start legt man zunächst den Bildungsplan der Realschule zugrunde. Da es in der Gemeinschaftsschule nicht nur um Lernen, sondern auch um gemeinsames Leben geht, wird sie als gebundene Ganztagesschule geführt. Dazu müssen Schulhäuser angepasst werden. Die Schulbaurichtlinien werden entsprechend überarbeitet. Vor Ort sollen Netzwerke mit anderen Partnern entstehen. Ein intensiver Kontakt mit Elternhäusern ist unabdingbar. Zur nötigen Weiterbildung der Lehrkräfte kommen Unterstützer an die Schulen und begleiten vor Ort. Die Gemeinschaftsschule bietet alle Abschlüsse an: Hauptschulabschluss nach Klasse 9, Haupt-, Werkreal- oder Realschulabschluss nach Klasse 10 oder den Übergang in die gymnasiale Oberstufe. Den Vorträgen schloss sich eine rege Diskussions- und Fragerunde in der recht heterogen zusammengesetzten Teilnehmergruppe an. Lehrkräfte und Schulleitungen aus privaten und öffentlichen Schulen, Personen aus der unteren Schulaufsichtsbehörde, aus Regierungspräsidien, dem Kultusministerium aus Lehrerseminaren, aus den diakonischen Werken Baden und Württemberg, aus dem Landeselternbeirat, dem Landesschulbeirat, von Kindertagesstätten und aus den beiden Landeskirchen bewiesen, wie breit gefächert das Interesse an einer neuen Bildungspolitik inzwischen ist.
Weitere Informationen zur Gemeinschaftsschule:
http://www.kultusportal-bw.de