Dietmar Böhm und Claudia Schlenker
Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik Stuttgart-Botnang,
Januar 2009
Ein Erfahrungsbericht zur Lernsituation „Glaube und Naturwissenschaft“ in den Fächern Deutsch und Religion
„Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ – so Galileo Galilei, der Universalgelehrte des 16. Jahrhunderts, der unter anderem die Fallgesetze entdeckt und das heliozentrische Weltbild des Kopernikus befürwortet hat.
Ob sich dieser Satz gerade für eine Schule eignet, wo wir als Lehrerinnen und Lehrer doch tagtäglich bemüht sind, Inhalte weiterzugeben und diese in Schülerherzen und -hirnen zu implementieren, wo wir zum Lernen auffordern mit Texten, Vorträgen, Bildern, in Kleingruppen, in Einzelarbeit und im Plenum, - wo wir eben lehren? Kann man einen Menschen wirklich nichts lehren, wie Galilei meint?
Pädagogisch ist diese Frage noch nicht entschieden und solange wird an Schulen (und natürlich auch anderswo) gelehrt. Aber es gibt ganz unterschiedliche Formen des Lehrens und so haben wir – ein Deutschlehrer und eine Religionslehrerin – uns entschieden, eine für uns neue und sehr attraktive Form des Lehrens auszuprobieren. Wir haben kooperiert und uns dafür ein für beide Fächer sehr relevantes und spannendes Thema gewählt (das der Lehrplan auch vorgibt): Aus der Beschäftigung mit Bertolt Brechts Werk „Leben des Galilei“, das in den Jahren 1938/39 entstanden ist, im Fach Deutsch (das sich ja mit unter anderem mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und dem kirchlichen Widerstand dagegen auseinandersetzt) und mit dem Thema „Glaube und Naturwissenschaft“ im Fach Religion haben wir eine Unterrichtseinheit entworfen, in der die SchülerInnen sehr selbständig, eigenaktiv und kreativ mit diesem Themenkomplex umgehen konnten. Diese Form des Lehrens und Lernens wird in den Begriff der „Lernsituation“ gefasst, was vor allem ausdrücken möchte, dass das, was gelernt wird, eine tatsächliche Relevanz in der Praxis der Lernenden hat. Die Lerninhalte sind somit auf konkrete Situationen aus dem Alltagsleben – in unserem Fall einer Erzieherin – bezogen. Darüber hinaus wird besonders auf die Selbständigkeit des Lernprozesses Wert gelegt, denn das, was Schülerinnen und Schüler sich selbst erschließen, wird intensiver gelernt und besser verinnerlicht, - vielleicht werden wissenswerte Inhalte so auch in sich selbst entdeckt, wie Galilei es sich wünscht.
Gemeinsam haben wir zuerst Fragestellungen und Problemkonstellationen aufgespürt, die beispielsweise in Kindertageseinrichtungen oder im Jugendbereich wirklich von Bedeutung sind, wie etwa
- Wie ist die Welt entstanden? Ist sie Gottes Schöpfung oder ein Produkt des Urknalls und der Evolution?
- Welche Bedeutung hat die Naturwissenschaft und welche die Religion im Lehrplan de Grundschule?
- Was gibt dem Leben Sinn und Halt? Sind dies naturwissenschaftliche Erkenntnisse oder Einsichten des Glaubens oder vielleicht beides?
Die Schülerinnen und Schüler hatten dann die nicht immer ganz leichte, aber gleichwohl sehr spannende Aufgabe, sich kundig zu machen zu den einerseits naturwissenschaftlichen und andererseits religiösen und theologischen Implikationen ihres Themas, sich also Wissen anzueignen.
Etwa: Was besagt denn die Urknall- und die Evolutionstheorie genau? Und: Was sagt die Bibel über die Welt als Schöpfung und wie sind Schöpfungserzählungen zu verstehen?
Desweiteren war es dann natürlich unerlässlich, die Verstehensvoraussetzungen der Kinder und Jugendlichen zu erforschen und sich mit deren Zugängen zum Thema oder Problem zu beschäftigen. Hier wurde dann vor allem die Entwicklungs- und die Religionspsychologie befragt.
Also: Können Kinder denn schon naturwissenschaftlich denken und naturwissenschaftliche Zusammenhänge erfassen und ab welchem Alter tun sie es? Wie entsteht und wie entwickelt sich naturwissenschaftliches Denken? Und: Wie sieht der Schöpfungsglaube von Kindern und Jugendlichen aus? Können diese vielleicht sogar beide „Theorien“ miteinander vereinbaren? Wann treten denn Schöpfung und Urknall/Evolution in der Entwicklung des Kindes in Konkurrenz zueinander und müssen sie dies zwangsläufig tun?
Ein letzter wesentlicher Schritt ist dann in Richtung der konkreten Praxis gegangen: Wie setze ich mein Thema im Kindergarten, mit Schulkindern oder in der Arbeit mit Jugendlichen in die Praxis um? Was mache ich mit den Kindern und Jugendlichen und wie kann es gelingen, das Thema verstehbar und relevant zu machen?
Einen bunten Strauß von Entwürfen für die Praxis, die sich alle an dem großen Thema „Glaube und Naturwissenschaft“ abarbeiten, konnten wir am Ende der Lernsituation bewundern. So wurde beispielsweise mit Kindergartenkindern das heliozentrische Weltbild innerhalb eines Kasperletheaterstücks mit Hilfe von verschieden großen Bällen, die umeinander wirbeln, dargestellt. Oder es wurden Bilderbücher, die die Welt als Gottes Schöpfung beschreiben und loben, vorgestellt oder gar selbst geschrieben. Wir konnten begreifen, wie Gewitter entsteht, wie es sich naturwissenschaftlich erklären lässt, wir haben verstanden, warum es Kinder beängstigt und dass wir beschützt sind, von Menschen und von Gott, wenn Blitz und Donner uns nicht in Ruhe lassen wollen.
„Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“
Auf der Folie des immer noch aktuellen Werkes von Bertolt Brecht haben wir mit der Lernsituation „Glaube und Naturwissenschaft“ genau das zu erreichen versucht: Wir wollten den Schülerinnen und Schülern helfen, in sich selbst zu entdecken, eigenständig Fragen zu stellen und Antworten zu wagen, sich autonom – wenn auch mit Hilfestellungen – ein schwieriges Thema zu erschließen und es für die Praxis der Erzieherin und des Erziehers lebendig werden zu lassen.
Viele der Schülerinnen und Schüler sind auf Entdeckungsreise gegangen und konnten den ein oder andern Schatz heben. Die folgenden Beispiele aus schriftlichen Dokumentationen des Lernprozesses geben einen kleinen Einblick:
„Früher dachte ich nie über solche Dinge nach, aber seit einigen Wochen hat sich mein Denken stark verändert. Man lebt nicht nur vor sich hin, man denkt über das Leben nach. Ich fühle mich manchmal unverstanden, da einige in meinem Freundeskreis meine Gedanken belächeln und ich gemerkt habe, dass es schwer ist, mit ihnen darüber zu sprechen. Auch dieses Thema hat mich noch nie beschäftigt und jetzt denke ich darüber nach, wie die Schöpfungsgeschichte und der Gottesglaube zusammenhängen. Ob ich zu einer eindeutigen Antwort gelange, weiß ich nicht, aber vielleicht zeigt sich dies in den nächsten Wochen.“
„Ich bin als Erzieherin und Begleitperson Vorbild. Warum sollten sich Jugendliche mit Fragen zum Sinn des Lebens auseinandersetzen, wenn ich es noch nicht einmal selbst getan habe? Mir ist klar geworden: Ich kann in der Arbeit mit Jugendlichen nichts erwarten oder verlangen, was ich selbst nicht tue, womit ich mich nicht selbst beschäftige. Ich muss authentisch sein, sie beobachten mich und ich bin Vorbild. Ob ich ein positives oder negatives Vorbild bin, entscheide ich. Am glaubwürdigsten ist es, wenn ich mich mit Jugendlichen gemeinsam auf den Weg mache, sie zusehen können, wich ich nach Antworten suche und sie finde, wie ich mich engagiere und meine Zeit und Kraft einsetze für das, was mir wichtig ist.“
„Oberflächlich betrachtet widersprechen sich die Schöpfungsgeschichte (und somit könnte man sagen auch de Gottesglaube) und die Evolutionstheorie. Wenn man sich aber näher mit der Materie beschäftigt, wird man feststellen, dass diese beiden Theorien vielleicht doch nicht zwangsläufig im Widerspruch zueinander stehen müssen. […] Für mich persönlich stellt sich mittlerweile eigentlich nicht mehr die Frage ob, sondern wie sich die Evolutionstheorie mit dem Gottesglauben und der Schöpfungsgeschichte vereinbaren lässt. Noch weiß ich nicht genau wie…“
„Der Sinn ist eigentlich das Thema, was mich am meisten beschäftigt seit dem Beginn der Lernsituation und welches mich auch weiterhin noch täglich begleiten wird. Es tritt einfach in immer mehr Situationen auf, dass ich mir Gedanken über mich, meinen Sinn des Lebens und auch über andere mache. Ich kann für mich sagen, dass die Arbeit an dieser Lernsituation mich ein Stück weit verändert hat. Ich bin in vielem um einiges nachdenklicher geworden. Auch wenn wir uns in der Schule viel theoretisch mit dem Thema befasst haben, ging oder geht mir das Ganze irgendwie näher als ich mir es vor Beginn der Arbeit je gedacht hätte, auch wenn es nach außen vielleicht nicht so zu sein scheint.“